Professorin Dr. Gabriele Schäfer lehrt seit 2008 an der Hochschule Heilbronn im Studiengang Electronic Business. Neben ihrer Tätigkeit als Hochschullehrerin arbeitet sie als Unternehmensberaterin mit den Schwerpunkten Controlling, Businessplanentwicklung sowie Strategieentwicklung. Außerdem entwickelt die Dozentin innovative E-Learning-Konzepte.
Werdegang:
Gabriele Schäfer studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaften in Augsburg und München. Ihre Promotion erfolgte an der Universität Augsburg zum Thema „Deregulierung der Telekommunikation“ im Jahr 1993. Im Anschluss war sie als wissenschaftliche Assistentin und Dozentin an den Universitäten Augsburg und München tätig. Vor Ihrer Berufung an die Hochschule Heilbronn im März 2008 initiierte Dr. Schäfer eine Gründerberatung am Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer (ZWW) der Universität Augsburg
und gründete das E-Learning-Unternehmen BEGA Tools & Training GmbH.
Prof. Dr. Schäfer, aus welchem Anlass haben Sie angefangen, sich für das Thema E-Learning zu interessieren?
Der Anlass ergab sich vor drei Jahren. Ich war damals in einem EU-Projekt tätig, in dem es unter anderem um die Qualifizierung von Studierenden der Geisteswissenschaften im Bereich BWL ging. Wir fingen damit an, ein Kursprogramm zu entwickeln, das den Studierenden sehr praxisorientiert betriebswissenschaftliche Grundlagen nahebringen sollte. Es stellte sich dabei jedoch schnell heraus, dass es der Zielgruppe sehr, sehr schwer gefallen ist, die Zeit aufzubringen regelmäßig zu bestimmten Veranstaltungen zusätzlich zum fachbezogenen Studium zu kommen. Zudem hat sich gezeigt, dass der Bedarf an solchen Fortbildungsangeboten groß ist. Also stellte sich die Frage, wie dieser Bedarf mit begrenzten Personalressourcen abgedeckt werden kann. So entstand die Idee, einen E-Learning Kurs aufzubauen.
Einer Ihrer Interessenschwerpunkte ist die Wiederverwendbarkeit von E-Learning-Content. Welche Rolle spielt Wiederverwendbarkeit für die nachhaltige Nutzung digitaler Lehrmedien?
Wiederverwendbarkeit bedeutet, dass ich Inhalte, die ich einmal für einen spezifischen Gebrauch oder ein bestimmtes E-Learning Portal umgesetzt habe auch in anderen Kontexten nutzen kann, dass ich unter Umständen auch Teile dieser Inhalte oder Medien weiterbearbeiten kann. Beim Thema Nachhaltigkeit, ist die Frage, wer beschäftigt sich mit E-Learning und wie kann sichergestellt werden, dass es seinen langfristigen Platz in der Hochschullehre findet. Wenn wir uns vorstellen, dass Inhaltsteile auch von anderen Dozenten verwendet und in die Lehre eingebaut werden können, dann ist natürlich die Chance viel größer, dass E-Learning-Ansätze an der Hochschule umgesetzt werden, als wenn jeder Lehrende alle Inhalte erst einmal selber erstellen muss – denn dies ist aufwändig. Es gibt zwar heute Produktionsprozesse, die sehr schlank sind und relativ wenig Zeitaufwand verursachen, aber insgesamt ist der Aufwand nach wie vor recht hoch und lässt sich durch Wiederverwendbarkeitsszenarien eben deutlich verringern.
Aus Ihrer Sicht als Wirtschaftswissenschaftlerin: rechnet sich E-Learning?
Für mich ist der Produktionsprozess eine entscheidende Komponente. Wir hatten in den letzten Jahren – auch weil die technischen Voraussetzungen noch nicht so weit fortgeschritten waren – die Situation, dass häufig Projekte gerade im betriebswirtschaftlichen Bereich mit sehr hohen Kosten für eine Realisierung verbunden waren. Ein typisches Szenario: Wenn man ein einzelnes Thema professionell als E-Learning aufbereiten wollte, wurden oft Zeiträume von zwölf Monaten projektiert und die Kosten lagen meist im sechsstelligen Bereich. Da sich die Inhalte der Betriebswirtschaftslehre aber immer wieder ändern, bzw. zumindest Beispiele aktualisiert werden müssen, um einen aktuellen Bezug herzustellen, sind solche Produktionsverfahren nicht effizient genug und viel zu inflexibel. Man hat zudem oft Software verwendet, in die die Endnutzer und Wiederverkäufer nicht eingreifen konnten. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Produktionsprozess zu verschlanken und einfache Hilfsmittel zu nutzen, die ein hohes Maß an Flexibilität mit sich bringen. Ein Beispiel: Anstatt eine animierte Grafik in Flash zu programmieren, reicht es oft aus, eine animierte Powerpoint-Präsentation zu erstellen, die in einem Aufzeichnungsprogramm aufgenommen und bei Bedarf vertont werden kann. Das Ergebnis ist vergleichbar, der Aufwand deutlich geringer. Das sind die Wege, die man suchen muss, damit sich E-Learning auch rechnet.
Sie befassen sich mit dem Thema "Integrative E-Learning-Plattformen". Können Sie erläutern, worum es dabei geht?
Lernen ist ein sehr komplexer Prozess, es werden sehr viele Bereiche angesprochen. Bei integrativen Lernplattformen geht es darum, nicht nur Möglichkeiten bereitzustellen beispielsweise einen zuvor aufgenommenen Kurs abzuspielen, sondern vielfältige Kommunikationsoptionen miteinander zu verknüpfen und ein Höchstmaß an Interaktivität herzustellen zwischen Lernenden, Dozenten und Tutoren. Wir haben selber eine Lernplattform entwickelt, die Implementierung geht gerade in die nächste Runde. Dort sollen Möglichkeiten aus dem Bereich Web 2.0 integriert werden. Das ist an sich nichts Neues. Aber die Konsequenz, dass ich in einer solchen Lernplattform nicht nur E-Learning-Materialien darstellen kann, sondern auch eine Vielzahl anderer Informationen, ist aus meiner Sicht ein innovativer Ansatz.
Welche Entwicklungen sind Ihrer Einschätzung nach derzeit zentral für den Bereich E-Learning und Hochschulentwicklung?
Ich denke, dass Machbarkeit und didaktische Konzepte von E-Learning Projekten in den Vordergrund gerückt werden. In den letzten Jahren war es vor allem die Technik. Es gab relativ wenig Erfahrungen in der praktischen Umsetzung und Anwendung von E-Learning, trotz einer Vielzahl von Plattformen, die schon seit Längerem an den Hochschulen vorhanden sind. Das Bewusstsein für die Bedeutung digitaler Lernformen, gerade als Ergänzung zum klassischen Präsenzunterricht, ist deutlich gestiegen. Nachdem man die Technik kennt und die Möglichkeiten und Grenzen einschätzen kann, sind andere Fragen in den Mittelpunkt gerückt: Wie kann ich Kurse überhaupt aufbauen, welche didaktischen Grundlagen sind zu beachten und was ist eigentlich das Besondere im Vergleich zur Präsenzlehre? Das ist für mich ein wichtiger Trend: Die konkrete Anwendbarkeit und Umsetzbarkeit von E-Learning-Lösungen weiter zu verfolgen – auch im wissenschaftlichen Bereich.
Sie beraten die Strategieentwicklung von Unternehmen. Wenn Sie Ihre eigene Hochschule zum Thema E-Learning beraten könnten, was würden Sie vorschlagen?
Ein wichtiger Punkt für die Umsetzbarkeit von E-Learning-Lösungen an Hochschulen sind die Anreize, die damit verbunden sind. Wir haben im vergangenen Jahr dazu eine Untersuchung bei uns an der Hochschule durchgeführt. Dabei hat sich herausgestellt, dass vielen Kolleginnen und Kollegen die Unterstützung fehlt bei der Erstellung von E-Learning-Angeboten. Unterstützung in dem Sinne, dass man personell eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter bekommt, das kann auch eine studentische Hilfskraft sein, die gewisse Aufgaben bei der Produktion von E-Learning-Einheiten übernehmen. Es zeigt sich, dass man mit relativ geringem Mitteleinsatz schon viel erreichen kann, wenn richtig geplant wird. Aber man darf eben auch nicht vergessen, dass gerade an Fachhochschulen, wo das Lehrdeputat mit 18 Stunden pro Woche immer noch sehr hoch ist, nicht viel Zeit bleibt, um sich für Extrathemen wie E-Learning zu engagieren. Vor diesem Hintergrund hat sich als hilfreich erwiesen, wenn zumindest ein geringes Maß an Unterstützung bereitgestellt wird. Dann können viele E-Learning-Projekte tatsächlich realisiert werden. Dies scheint mir der richtige Weg zu sein. Es ist eine Frage der Mittelverteilung und hängt natürlich auch davon ab, welche Priorität dem Thema eingeräumt wird. Aber mein Eindruck ist, dass die Hochschulen E-Learning wesentlich höher priorisieren, als noch vor wenigen Jahren.
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