Login     Glossar    
  Infobanner
e-teaching.org  
Virtuelle Hochschule » E-Teacher
Ulrich Iberer

Ulrich Iberer studierte Erziehungswissenschaften an der Katholischen Universität in Eichstätt. Seine Promotion mit dem Dissertationsthema "Bildungsmanagement von Blended Learning" wurde kürzlich erfolgreich abgeschlossen. Vor der aktuellen Position an der PH Ludwigsburg war Ulrich Iberer als Berater für E-Learning-Lösungen bei der Siemens AG sowie als freiberuflicher Trainer in der öffentlichen Erwachsenenbildung aktiv. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Themenfeldern Bildungsmanagement, Bildungsprozessmanagement sowie Methodik und Didaktik der Erwachsenenbildung.

Aus welchem Anlass haben Sie angefangen, sich für das Thema E-Learning zu interessieren?
Den ersten Kontakt mit E-Learning hatte ich Mitte der 1990er Jahre im Rahmen meines Studiums (Erziehungswissenschaften). Damals wurde zu E-Learning in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen viel experimentiert. Ich war neugierig, was hierzu nicht nur an der eigenen Universität bzw. im eigenen Fach passiert und hatte mich an verschiedenen virtuellen Seminaren verschiedener Hochschulen angemeldet und beteiligt. Parallel dazu konnte ich bei mehreren innerbetrieblichen Weiterbildungseinrichtungen sowie Organisationen in der Erwachsenenbildung an E-Learning-Projekten mitarbeiten und dort meine Ideen mit einbringen. Rückblickend bin ich in gewisser Weise dankbar, die Entwicklung des Themas in dieser Form, von den Anfängen mit "Computer Based Traning" bis zu den Aktionen im heutigen Web-2.0-Zeitalter, so miterlebt haben zu dürfen.

Sie haben 2009 Ihre Promotion zum Thema Bildungsmanagement von Blended Learning abgeschlossen: Was ist Bildungsmanagement und welche Bedeutung hat das Gebiet für die Hochschulentwicklung?
Bildungsmanagement ist ein vergleichsweise junger Begriff und wird sehr stark von den Bedürfnissen der Bildungspraxis bestimmt: Wie leitet man eine Bildungseinrichtung unter sich fortwährend ändernden Rahmenbedingungen? Wie können Infrastrukturen und Prozesse gestaltet werden, um erfolgreiches Lernen und Lehren zu ermöglichen? Wie schafft die Leitung einer Bildungseinrichtung strategische Ziele, wie kontrolliert sie diese in der alltäglichen Umsetzung? Wie kann sie die Mitarbeiter dabei miteinbinden bzw. dazu motivieren? Diese beispielhaften Fragen sind Herausforderungen, wie sie gegenwärtig alle Bildungsinstitutionen betrifft, von den Kindertagesstätten über die allgemeinbildenden Schulen, die Einrichtungen der inner- und außerbetrieblichen Aus- und Weiterbildung, die Universitäten bis hin zu den Institutionen der Erwachsenenbildung. Die wissenschaftliche Domäne Bildungsmanagement thematisiert diese Fragen, entwickelt theoretische Modelle und hinterfragt diese kritisch. Betrachtet man eine Bildungseinrichtung als "soziales System", so ist Bildungsmanagement die Instanz, die die institutionelle Steuerung und Gestaltung von Prozessen (Bildungsprozessmanagement) und Strukturen (Bildungsbetriebsmanagement) beinhaltet.

Mehr denn je werden auch Hochschulen mit unterschiedlichen Erwartungen ihrer Anspruchsgruppen (Studierende, Lehr- und Verwaltungspersonal, Öffentlichkeit, wissenschaftliche Communities, Forschungslandschaft, Unternehmen usw.) konfrontiert. Eine Hochschule in diesem komplexen Umfeld zu steuern und nachhaltig weiterzuentwickeln, stellt eine eigene Profession dar, deren Aufgaben sich nicht nur auf die Ebene des formalen Hochschulmanagements, sondern letztlich in die Tätigkeitsfelder aller aktiven Mitglieder einer Hochschule erstrecken.

Sind Hochschullehrende aus Ihrer Sicht auch gleichzeitig Bildungsmanager?
Sicherlich liegt die formale Verantwortung der Leitung einer Hochschule zunächst in den Positionen der Hochschulleitung bzw. der Fakultäten. Bei der Suche nach einem Bildungsmanager bzw. nach einer Bildungsmanagerin an einer Hochschule denkt man zunächst an genau diesen Personenkreis. Betrachtet man aber die Tätigkeiten aller Hochschulangehörigen, so stellt man fest, dass darüber hinaus weitere Personengruppen wie akademische Mitarbeiter und Dozenten, die Verwaltung und last but not least die verschiedenen Gremien der akademischen Selbstverwaltung wichtige Aufgaben zur Steuerung und Entwicklung der Hochschule leisten: Sie initiieren und organisieren neue Studiengänge, leiten Projektteams, evaluieren Prozesse, betreiben Öffentlichkeitsarbeit oder werben neue Ressourcen (Projekte, Personen, Finanzen) ein. Management im Sinne von Personalführung wird mit Hierarchien und Karriere verbunden, das ist auch ein wesentliches Element, gerade im Hochschulbereich. Heute, wo die Anforderungen bei der Entwicklung und Durchführung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge aber kooperative Strukturen der Zusammenarbeit in Teams immer bedeutsamer werden, verschiebt sich diese Führungs- und Managementverantwortung bis hin zu jedem einzelnen Mitarbeiter. Letztlich ist es eine Aufgabe alle Mitglieder einer Hochschule, zur gemeinsamen Weiterentwicklung der Hochschule im Sinne einer lernenden Organisation beizutragen.

Was unterscheidet Bildungsmanagement von Wissensmanagement?
"Wissen" ist für eine Hochschule eine ganz besonders bedeutsame Ressource, und gleichzeitig auch Gegenstand der täglichen Auseinandersetzung in Lehre und Forschung. So gesehen kann man Wissensmanagement als einen Kernprozess von Hochschule bezeichnen. Innerhalb der Domäne Bildungsmanagement bildet Wissensmanagement ein wichtiges Arbeitsfeld. Es zielt auf den bewussten und systematischen Umgang mit dieser Ressource und beschreibt zielgerichtete Prozesse zum organisationsweiten Wissenstransfer. Wissen ist zunächst etwas, was fest mit einem einzelnen Menschen verbunden ist, die Lehrenden, die Studierenden, die Forschenden tragen dieses Wissen. Wissensmanagement als Bildungsmanagement-Aufgabe zielt darauf ab, individuelle Lernprozesse für die gesamte Organisation zu erschließen und nutzbar zu machen, indem eine wissenstransfer-förderliche Kultur gepflegt wird und entsprechende Infrastrukturen geschaffen werden. Im Internet-Zeitalter nehmen hierbei natürlich die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien eine zentrale Rolle ein.
5. Welche Entwicklungen sind Ihrer Einschätzung nach derzeit zentral für den Bereich E-Learning und Hochschulentwicklung?
In der E-Learning-Forschung sind wir heute bei vermehrt organisational bestimmten Fragestellungen angekommen: Wie kann eine Implementierung von E-Learning in die Strukturen einer Präsenzhochschule gelingen? Wie müssen die Prozesse in der Planung, Durchführung und Bewertung von Lehrveranstaltungen angepasst werden? Wie verändert E-Learning die traditionellen Präsenzformen der Lehre und wie werden die Lehrenden in diesem Veränderungsprozess mit eingebunden? Um das didaktische Potenzial von E-Learning, von dem wir nach den umfangreichen mediendidaktischen Forschungen der E-Learning-Pionierzeit heute wissen, nachhaltig zu erschließen, sind solche Modelle und Lösungen bedeutsam, in denen das Zusammenspiel von strategischem Bildungsmanagement und der didaktischen Innovation erfolgreich gestaltet wird.
Ein Beispiel: Die aktuellen Diskussionen zur Optimierung der Bachelor-/Masterstudiengänge werden meines Erachtens nur dann zum Erfolg führen, wenn die bewährten E-Learning-Studienformen institutionell verankert werden. Damit unmittelbar verbunden ist die Notwendigkeit, dem Postulat des lebenslangen Lernens tatsächlich Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Die Phase des ausschließlichen Studierens wird kürzer werden, die Bedeutung der Umsetzung des Gelernten in authentischen Arbeitskontexten und die Reflexion dessen nimmt zu. Wenn Studierende arbeiten und studieren, so dürfen diese Phasen nicht nur nebeneinander geduldet werden, sondern müssen durch Blended-Learning-Studienangebote der Hochschule integrierend unterstützt werden. All das gelingt nicht per se, sondern hat unmittelbar Konsequenzen für die Kernprozesse einer Hochschule. Die Frage nach der Bewirtschaftung von Veranstaltungsräumen oder der Modus der Anrechnung von Lehrdeputaten in Präsenz- und Online-Veranstaltungen kommen dabei unwiderruflich auf den Prüfstand.

Das Hochschulmanagement wiederum wird vermehrt von den medientechnologischen und soziokulturellen Entwicklungen von Web 2.0 sowie den internetgetriebenen Communities herausgefordert. Diese Herausforderung trifft sie doppelt, zum einen im Kernauftrag einer Hochschule, die Studierenden im Umgang darauf vorzubereiten, und zum anderen für die Organisation der Hochschule selbst. Die Präsenzhochschule muss, wenn sie die neue Lebenswirklichkeit ihrer Studierenden und Lehrenden berücksichtigen und für ihre eigenen Prozesse nutzbar machen will, neue Strategien entwickeln, die über die Campusmauern hinausreichen und dabei das System der Studien- bzw. Forschergemeinschaft einer Hochschule neu definieren.

Sie haben mehrfach zum didaktischen Design von Blended Learning Szenarien publiziert. Was macht den besonderen Reiz des Blended Learning aus?
Blended Learning ist für mich ein faszinierender Begriff: Einerseits hat er sich in nahezu allen Bildungsbereichen als Schlagwort und besonderes Angebot für die Kombination von E-Learning und Präsenzlehre verfestigt. Er wird allerorts verstanden, zumindest dort wo Didaktik oder Bildungskonzepte überlegt werden. Aus theoretischer Perspektive jedoch bleibt mehr denn ungeklärt, was denn konkret kombiniert bzw. integriert werden soll: Medien, Methoden, Zeiten? Lernorte, Arbeitsorte? Lerntheorien, Lehrstrategien? Und: Was unterscheidet ein Blended-Learning-Szenario von einem traditionellen Präsenzseminar, zu dem sich die Teilnehmer wie selbstverständlich online anmelden, bereits vor Seminarbeginn virtuell Kontakt miteinander aufnehmen, im Anschluss daran ihre Lernergebnisse in praktischen Zusammenhängen erproben und darüber auf ihrem persönlichen Weblog berichten? Die Integration von E-Learning-basierten, selbstgesteuerten Lernen und Präsenzlernen geschieht heute weitaus öfters selbstorganisiert praktiziert als institutionell organisiert.
Gleichwohl hat Blended Learning sehr wohl originäre Qualitäten. Durch die Integration unterschiedlicher didaktischer Methoden, Lernorte und Medien können in besonderer Weise die individuellen Lernprozesse gestärkt, gleichzeitig die Lernenden innerhalb einer Lerngemeinschaft vernetzt und das Potenzial einer Gruppe für weiterführende Lernprozesse erschlossen werden. Das Potenzial von Blended Learning wird besonders dort erfolgreich umgesetzt, wo Lernumgebungen über einen längeren Zeitraum hin gestaltet werden und wo Lern- und Arbeitsfelder miteinander integriert werden. Ein solch umfassender Anspruch ist in rein selbstorganisierten Lernformen nur bedingt leistbar. Deshalb kommt der gesteuerten didaktischen Entwicklung und Begleitung von Blended-Learning-Szenarios durch Bildungsinstitutionen und ihren Akteuren (Lehrende und Leitungsverantwortliche) eine entscheidende Rolle zu.

Was haben Sie für die Zukunft im Bereich E-Learning geplant?
An der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg bieten wir einen berufsbegleitenden weiterbildenden Masterstudiengang „Bildungsmanagement“ an. Dieser ist als Blended-Learning-Szenario konzipiert, Präsenzphasen an der Hochschule sind inhaltlich, methodisch und organisatorisch mit Selbstlern- und Transferphasen an den Arbeitsstätten der Studierenden verschränkt. Die eingeführten medialen Strukturen (z.B. integriertes Lern- und Alumniportal, Selbstudienunterlagen) und didaktischen Methoden haben sich bewährt und werden weiter optimiert. Mit jeder Generation neuer Studierender stellen wir fest, dass die Vorerfahrungen und Kenntnisse im Umgang mit E-Learning-Angeboten bei den Studierenden zunimmt, vielfach wird gezielt nach danach gesucht und die Nachfrage nach zeit- und ortsunabhängingen Studienformen steigt - interessanterweise nicht nur bei weiterbildenden Master-, sondern auch bei grundständigen Bachelorstudiengängen. Unsere Strategie ist es daher, E-Learning nicht nur als singuläre didaktische Methode einzelner Veranstaltungen, sondern vielmehr als strategisches Instrument im Sinne eines "Student-Life-Cycle" weiterzuentwickeln, das den Studierenden vom Erstkontakt als Interessent bis zu seiner Rolle als Absolvent und Forschungspartner hindurch kontinuierlich begleitet.

Seitenanfang
  Logo IWM Logo MWK Impressum Kontakt Portalinfo  
 
 
Community
Benutzername:

Passwort: